Schlosskonzert | Bad Berleburger WeihnachtsZeitreise

Musikalisch-literarischer Abend mit dem Berliner Vokalensemble auf Schloss Berleburg

Familie Schmidt holt den Weihnachtsbaum aus der Tonne

Das 'Vokalquintett Berlin' entkam auf Schloss Berleburg dem Weihnachtsstress und lud hier in vollbesetzter Kulisse zur Entspannung ein. (WP-Foto: Christiane Sandkuhl)

Bad Berleburg. (cs) Es ist längst kein Geheimtipp mehr unter den Wittgensteiner Musik- und Literaturfreunden: die gute Stube Berleburgs befindet sich diesbezüglich eindeutig im Foyer des Schlosses. Wie kaum in einem vergleichbaren Raum finden sich dort Musiker, Sänger und Vortragende ein, um der so gut wie immer zahlreichen Zuhörerschaft Ohrwürmer und Augenweiden mit sicherem Auftritt zu präsentieren. So auch jetzt beim Konzert- und Literaturabend unter dem Motto "Weihnachten fällt aus".

Ist es tatsächlich möglich, das höchste christliche Fest, auch wenn der eine oder andere im Glauben nicht sehr verankert ist, einfach unter den Teppich zu kehren? Musikalisch kam an dieser Stelle von Nathalie Siebert und Juliane Seeger (beide Sopran), Jonny Kreuter (Alt), Martin Netter (Tenor) und Amnon Seelig (Bass) ein durchdringendes klares Nein. Die Auswahl bekannter Komponisten des Mittelalters und ihrer Werke wie J. P. Sweelinck (1562 - 1621) "Gaudete omnes" und "Hodie Christus natus est", Michael Praetorius (1571 - 1621) "In dulci jubilo" und "Es ist ein Ros' entsprungen", Mateo Flecha (1481 - 1553) "Riu, riu chiu" oder Francisco Guerrero (1528 - 1599) "A un nino llorado al hielo" umschreibt die internationale Verehrung der Geburt Jesu Christi. Doch sie reicht mit hochmodernen, ebenfalls internationalen Interpretationen des Ensembles bis an den heutigen Tag heran.

"The little Drummer Boy" und "Süßer die Glocken nie klingen" als Arrangements der Neuzeiter Niels Gundermann (* 1948) und Karsten Gundermann (* 1966) bewegen die Vielschichtigkeit der Künstler durch den Raum. Ihre Stimmen faszinieren und das stets fünfstimmige Liedgut bedarf exquisiter Professionalität, die sie alle mit ihren Ausbildungen an namhaften Stätten und bei Lehrern von Weltklasse erlangten. Neben der Ensembletätigkeit arbeiten alle Vokalisten teils als Solisten in professionellen Kammerchören Deutschlands, den Niederlanden oder Österreichs oder haben sich als Lehrer oder Stimmbilder unabdingbar gemacht.

Im Hamsterrad

Doch immer noch ist die Frage, ob Weihnachten einfach zu Akten zu legen sei, nicht eindeutig geklärt. Nathalie Siebert bediente sich der der Kurzgeschichte von Margret Rettich "Als Weihnachten ausfiel". Ehepaar Schmidt ist der Hektik der Vorweihnachtszeit überdrüssig. Zu sehr empfinden sie sich selbst in dem Hamsterrad zwischen Glühweinständen, Kaufhaus-Kling-Glöckchen-Geträller und Christbaumstress Schritt halten zu müssen.

Kurzerhand beschließen sie, Weihnachten findet für sie nicht statt. Anstelle der Weihnachtslieder aus der Konserve sollen die Schleudergeräusche der Waschmaschine und handwerkliche Tätigkeiten mit Bohrer und Dübel zu hören sein. Das fehlendes Waschpulver und Schrauben machen den Sturz der Eheleute ins Festtagsgetümmel des Kaufhauses notwendig. Entnervt und völlig erschöpft daheim angekommen, müssen sie feststellen: "Wir haben im Trubel die Einkaufstüten wohl mit denen anderer Kunden vertauscht."

Zum Vorschein kommen nämlich Lebkuchen, Kerzen und Baumschmuck. Insgeheim geht jetzt beiden Schmidts das Herz auf und unmissverständlich steht die Botschaft im Raum: "Wir wollen Weihnachten" - mit Besinnlichkeit, Ruhe, mit Plätzchen, Liedern und dem traditionellen Baum, den sie nun aus dem Müll hinter dem Kaufhaus fischen, weil der Händler ihn nicht mehr verkauft bekam.

Das Publikum im Schloss wurde durch Stimmklänge, wunderschönem Ambiente zu einer riesigen Familie im viktorianisch geschmückten Wohnzimmer. Die kunstvoll intonierten Geschenke wurden von zwei jungen Frauen und ebenso drei Männern mit drei Zugaben unterschiedlicher Stilrichtungen vom "Winter-Wonderland" bis zu einem Weihnachtsgedicht Christina Rosettis ausgepackt, bestaunt und mit Applaus bedankt.

Von Christiane Sandkuhl

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 13.12.2011
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Sandkuhl (cs)


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