Cooltour 2011
Tina Teubner:
Knallharter Frauenabend - bissig, schnulzig, gemein
Zur Feier des 100. Weltfrauentages 45 Jahre Lebenserfahrung und 1,62 m
Bad Berleburg. (cw) Keine Laufstegmieze, Politikerin oder Büttenrednerin ist erforderlich, um einen facettenreichen und verbal knallhart stilisierten Frauenabend zu gestalten. Es reichen 45 Jahre Lebenserfahrung, blonde Bananenfrisur, gepflegte Erscheinung, hier ein bisschen Rouge, da ein kleiner Wimperntusch verteilt auf 1,62 m geballtes Standardmaß.
Tina Teubner hat zur Feier des 100. Weltfrauentages als Kölner Karnevals-Asylantin in Berleburg am Rosenmontag ihr Quartier aufgeschlagen. Die Berleburger Kulturgemeinde, die traditionell zu diesem denkwürdigen Tag in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, die Kabarettistin ins Bürgerhaus holte, hat abermals einen hervorragenden Griff getan.
Bissig, schnulzig, gemein ging der verbale Schlagabtausch mit Teubners Pianist Ben Süverkrüp in die erste Runde. Von Kampf ist hier nicht zu reden. Die gehässige Serie unter dem Motto "Demütigung durch Freundlichkeit" erlaubte tiefe Einblicke in den Sprachreichtum der schnabulierenden Blondine. Liebt sie nun den Mann, den sie vor acht Jahren geehelicht hat, verachtet sie ihn oder hat diese zierliche Mundgranate einfach nur erkannt, der "Guteste" ist ihr einfach in jedweder Hinsicht nicht gewachsen?
Doch wer glaubte, Tina Teubner teilt nur in die emanzipatorische Richtung aus, der täuschte sich. Mit "gehessischen" Phrasen-Blasen rieb sie sich die Hände warm und degradierte ad hoc nicht allein die Spezies Mann in die trottelige Stereotypenecke, Freundin "Schwalbe" und die einseitige Cousine wurden im gleichen Spülwasser gebadet. Respektlos bemerkt sie zur Damenwelt, es gebe nur zwei Möglichkeiten, ästhetisch in elegante Kleidung zu passen: entweder Frau fastet oder lässt sich was Schickes drumrum nähen. Im punkto Freizeitvergnügen und gediegener Wellnessbereich empfiehlt die Schnellsprecherin für viel Geld gemeinsam nix zu essen.
Das Mundwerk stand nicht still. Als sie sich auch noch neben dem Klavierpotpourri spielenden Ben als begnadete Geigerin, E-Gitarristin und singende Säge spielendes Naturtalent offenbarte, war allen Ladies und Gentlemen im Saal klar: Diese Frau, die gern klein ist, um beim Küssen den Himmel sehen zu können, ist mit ihrem 10. Bühnenprogramm "Aufstand im Doppelbett" mit psychologischer Menschenkenntnis, schier unerschöpflicher Wortgewandtheit, Mut und Keckheit vor den männlichen und weiblichen Menschen getreten.
Sie riss Plakatives nieder und kratzte den Lack ab. Warum schauspielern Menschen eigentlich permanent in ihren Beziehungen? Tina Teubners Beliebtheitsbarometer stieg während der gandenlosen Ausführungen über geschraubtes Weiberverhalten und verkorkstes Mannsgehabe. Routine schleicht sich in alles ein, nur wie kommt die da hinein? Ursachenforschung und wissenschaftliche Theorien brachten das vollbesetzte Bürgerhaus zum Toben.
Rosenmontag muss doch nicht immer bunt sein. In schwarz-weißem, sehr maskulinem Cut erreichte die blauäugige Blondine im "frühen Mittelalter" mit ihren spöttischen Pointen, gehackten Gemeinheiten und gestochenscharfen Kabarettdogmen, das, was den Wittgensteinern gefällt. Tosender Applaus, schallendes Gelächter und fröhliche Frauenhorden, hier und da ein Mann, beschlossen so ihren Rosenmontag, gesponsert wurden sie noch mit leckeren Kreppeln für unterwegs.
Christiane Weinhold
WESTFALENPOST vom 09.03.2011
Bildquelle: WP-Fotos (2) von Christiane Weinhold (cw)



