Theater

Theaterproduktion Hoffmann-Wacker
zeigte Zuckmayers "Schinderhannes" im Schlosshof

Robin Hood auf Hessisch / Begeistertes Publikum

"Mit euch bin ich immer gern gegangen, aber diesen Weg würde ich lieber allein gehen."

Bad Berleburg. (ds) Im Grunde ist er eine hochtragische Figur, der "Schinderhannes" alias Johannes Bückler von Carl Zuckmayer: Ähnlich einem deutschen Robin Hood legt er mit seiner Räuberbande reiche Bauern und Kaufleute aufs Kreuz, um mit der gewonnenen Beute die unter der napoleonischen Herrschaft leidende, arme Bevölkerung zu unterstützen.

Dabei setzt er die Liebe zu seinem Julchen aufs Spiel und endet schlussendlich mit seinen Bandenkollegen auf dem Schafott. Johannes Bückler hat es übrigens wirklich gegeben, er lebte von 1779 bis 1803 im hessischen Hunsrück. Knapp 90 Zuschauer waren am Mittwochabend auf den Hof des Berleburger Schlosses gekommen, um eben diese tragische, mal komische und immer spannende, in hessischer Mundart vorgetragene Geschichte in der Inszenierung der hessischen Theaterproduktion Hoffmann-Wacker zu sehen. "Es hätten auch gern um die hundert Leute mehr sein können, aber weil das Wetter in den letzten Tagen so unbeständig gewesen ist, konnte sich niemand richtig auf den Termin heute einstellen", so Otto Marburger von der Kulturgemeinde, die das Ensemble nach Wittgenstein geholt hatte.

Ein Mann des Volkes: Sein Engagement für die armen Bürger muss der Schinderhannes (Martin Bringmann, 3. v. r.) wenig später mit dem Leben bezahlen. Die Zuschauer im Berleburger Schlosshof zeigten sich begeistert von der Mischung aus tragischer Liebes- und actionreicher Räubergeschichte. (SZ-Foto: Daniela Schmidt)

"Wir hatten schon überlegt, das Ganze ins Bürgerhaus zu verlegen, was dann aber nicht mehr nötig war." Ein Glück - fügte sich die märchenhaft-nostalgische Schlosskulisse doch perfekt ein in das spannende Theaterstück, welches gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielt. Erste Szene: Der Schinderhannes (gespielt von Martin Bringmann) sitzt mit einigen Kumpanen und anderen Besuchern in der Kneipe "Zum grünen Baum". Hier lernt er Julchen (Thordis Howe) kennen, die aber bereits an einen Gendarm versprochen ist. Außerdem verkauft er einem Gast der Kneipe Tierhäute zu einem "Freundschaftspreis" - später, als der Schinderhannes die Wirtsstube verlassen hat, wird klar, dass er ihm diese zuvor geklaut hatte.

Schon hier zeichnete Hannes-Darsteller Martin Bringmann ein eindrucksvolles Persönlichkeitsprofil des deutschen Robin Hood: Ein rauer, trotziger, aber auch großherziger Weiberheld, der mit seinem verwegenen Pferdeschwanz und geradezu fatalistisch leuchtenden Augen sicherlich nicht wenige Frauenherzen im Publikum höher schlagen lässt. In den folgenden Szenen entspannt sich eine zarte Romanze zwischen Julchen und dem Schinderhannes. Zugleich schart er eine immer größere Räuberbande um sich, mit der er wohlhabende Menschen beraubt. Julchen entscheidet sich schließlich, sich von dem Gendarm, welchem sie ursprünglich versprochen war, abzuwenden, um ihr Leben mit Hannes zu verbringen.

Auch die Bevölkerung steht zu diesem Zeitpunkt noch hinter dem Protagonisten und deckt ihn gegenüber seinen Verfolgern. Schließlich kommt es jedoch zum Eklat: Auf den Schinderhannes wird ein Kopfgeld in Höhe von 5.000 Gulden ausgesetzt. Als der Held davon erfährt, verfällt er in eine Mischung aus Verzweiflung und blinden Aktionismus und beschließt, gemeinsam mit seiner Bande aktiv gegen seine Verfolger anzugehen. Zugleich werden auch hier wieder großherzige Nuancen der Figur deutlich, als Hannes befiehlt, dass jene Bandenmitglieder, die Hof und Familie haben, sich nicht an diesem Sturm beteiligen sollen.

Julchen ist besorgt um ihren Liebhaber und konfrontiert ihn mit der Forderung, seine Pläne fallen zu lassen. Es kommt zu einem Streit, bei dem der Schinderhannes sie zu Boden schlägt. Sie verlässt ihn. Dennoch hält er an seinem Vorhaben fest, gemeinsam mit seinen Bandenkollegen gegen die Verfolger vorzugehen. Dass dieser Plan jedoch nicht aufgeht, wird wenig später deutlich: Die Räuber sind ausgezehrt und erschöpft, es kommt zu Streit und Prügeleien innerhalb der Gruppe. Der Schinderhannes wird vom schlechten Gewissen geplagt und stellt es seinen Freunden frei, ihn zu verlassen und selbst dem Militär beizutreten, wo sie Ruhe und eine bessere Verpflegung erwarten.

Sie stehen jedoch weiterhin zu ihm. Julchen hat während dessen versucht, ihrem Liebsten zu folgen. Die beiden finden wieder zusammen und sie gebärt ihm einen Sohn. Dass er nun Verantwortung für eine kleine Familie trägt, gibt dem Protagonisten Anlass, seinen Kampf aufzugeben und mit seiner Bande doch noch in die Armee einzutreten. Julchen findet eine Anstellung, und beide blicken einem ruhigen und friedlichen Familienleben in der Kaserne entgegen. Was beide nicht wissen: Der Schinderhannes ist verraten worden. Wenig später wird er, ebenso wie seine Freunde, vom Hauptmann festgenommen und zum Tode verurteilt. Julchen, die frei gesprochen wird, darf vor der Hinrichtung noch eine letzte Nacht mit ihm verbringen. Am nächsten Morgen wird er zu seiner Enthauptung abgeholt, geplagt von seinem schlechten Gewissen, seine Freunde mit in den Tod zu reißen: "Mit euch bin ich immer gern gegangen, aber diesen Weg würde ich lieber allein gehen."

Zugleich freut er sich wie ein kleines Kind, als er erfährt, dass 15.000 Zuschauer gekommen sind, um die Hinrichtung zu sehen. "Hörst du? Fünfzehntausend!" sind seine letzten, von Stolz und Begeisterung getragenen Worte an Julchen, ehe er abgeführt wird. Julchen bleibt allein auf der Bühne zurück. Aus den Lautsprechern ertönt ein Brausen, das schließlich in einem finalen Paukenschlag mündet, der den Tod des Schinderhannes symbolisiert. Julchen bricht resigniert zusammen, das Stück ist zu Ende. Die Zuschauer zeigten sich begeistert von der Leistung des 18-köpfigen Ensembles und zwangen die Darsteller durch minutenlangen Applaus ein ums andere Mal wieder hinter der Bühne hervor. Es war tatsächlich ein Theater-Goldstück, das die Kulturgemeinde mit dem "Schinderhannes" nach Berleburg geholt hatte - besonders dank der Leistungen der beiden Hauptdarsteller.

Gerade die Figur des Schinderhannes wurde durch die schauspielerische Interpretation von Martin Bringmann zu einer schillernden, vielschichtigen Persönlichkeit zwischen Trotz und Naivität, harter Schale und weichem Kern, volksnahem Heldentum und Verantwortungsbewusstsein.

Auch komödiantische Einstreuungen, die besonders durch den hessischen Dialekt und den naseweis-rohen Charme des Protagonisten und seiner Räuberbande zu Stande kamen, stießen bei den Zuschauern auf Begeisterung und sorgten für Szenenapplaus.

Von Daniela Schmidt

Siegener Zeitung

Siegener Zeitung vom 04.06.2010
Bildquelle: SZ-Foto von Daniela Schmidt (ds)


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