Theater

"Prinz Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist
mit Ensemble des Westfälischen Landestheaters
Castrop-Rauxel im Bürgerhaus

Starker Tobak für die Menschen im Heute

'Prinz Friedrich von Homburg' von Heinrich von Kleist im Bad Berleburger Bürgerhaus - keine leichte Kost, die da geboten wurde. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Bad Berleburg. (cw) Heinrich von Kleist, ein Genie seiner Zeit und bis zum heutigen Tage, gefragt, gelesen und angeschaut, verstanden, missverstanden, unverstanden - im Berleburger Bürgerhaus war es jetzt sein "Prinz Friedrich von Homburg", der herausforderte zu hören, schauen und sich der Kriegs- und Liebesthematik intensiv zu widmen.

"Ich darf Sie als Publikum bitten, schieben Sie dringende Privatgespräche mit ihrem Sitznachbarn in die Pause. Die Agierenden benötigen absolute Ruhe auf der Bühne", appellierte Otto Marburger, Vorsitzender der Kulturgemeinde Bad Berleburg, an die Zuschauer, vornehmlich Oberstufenschüler der Gymnasien in Bad Berleburg und Bad Laasphe. Und er wusste, wozu er aufforderte.

"Prinz Friedrich" ist semantisch, syntaktisch und inhaltlich starker Tobak für Menschen im Heute. Das Ensemble des Westfälischen Landestheaters in Castrop-Rauxel ist seit dem 14. September mit besagtem Werk Heinrich von Kleists (1777 - 1811) mit der Premiere in der Steverhalle in Senden unterwegs.

Sie bedienen sich einfacher, gar spartanischer bühnenbildnerischer Mittel. Gefragt ist hier in hohem Maße die Fantasie des Publikums. Vier filligranartige Drahtwände mit Durchgangsmöglichkeiten symbolisieren die Szenerie des Schlachtfeldes Fehrbellin sowie Gärten, in denen sich die Hauptpersonen bewegen.

'Prinz Friedrich von Homburg' von Heinrich von Kleist im Bad Berleburger Bürgerhaus - keine leichte Kost, die da geboten wurde. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Prinz Friedrich von Homburg (Dennis Laubenthal), junger Offizier des Kurfürsten von Brandenburg (Andreas Wobig), ist nach langem Feldzug erschöpft und verfällt in einen tranceartigen Schlafzustand, in dem er sich einen Lorbeerkranz bindet. Während dieses Zustandes gesteht er der Nichte Natalie von Oranienburg (Julia Gutjahr) des Kurfürsten und der Kurfürstin (Vesna Buljevic) seine Liebe und ergreift einen ihrer Handschuhe.

In einer späteren Gefechtsbesprechung ist der Prinz derart verwirrt über Natalies Auftritt, die sich als Eigentümer des Handschuhs entpuppt, dass er komplett verunsichert seiner Aufgaben nicht gerecht wird und entgegen der Anweisungen des Kurfürsten handelt. Sein undiszipliniertes Verhalten, bringt ihm schließlich durch seine Befehlsverweigerung den Prozess und die Verurteilung zum Tode. Schließlich habe er der Order seines Kurfürsten zuwidergehandelt, habe sofort den Angriff auf den Gegner gestartet und viele Opfer bei der Schlacht in Fehrbellin in Kauf genommen.

Die Todesfurchtszene des Prinzen wird vom Ensemble sehr eindrucksvoll durch akustische Effekte, psychedelischen Sync-Klängen ähnelnd, selbst furchteinflößend und mit diabolischem Beigeschmack versehen, dargestellt. Befremdet durch die prinzliche Reaktion ordert der Kurfürst im Kreise der Feldherren Obrist Kottwitz (Bertold Schirm), Graf Hohenzollern (Guido Thurk), Rittmeister von der Golz (Kristoffer Keudel) und Rittmeister Siegfried von Mörner (Andreas Bühring) letztendlich die Begnadigung an, die allerdings größtenteils durch großes Flehen Natalies realisiert wurde.

Geläutert von seinem Gewissen, nimmt der junge Offizier das Todesurteil hin, nichtsahnend dass es aufgehoben wurde, lässt sich zur Erschießung auf den Richtplatz führen. Dort setzt ihm Natalie einen Lorbeerkranz auf, er wird ohnmächtig, durch Kanonenschläge kommt er wieder zu sich und seine finale Frage, ob dies ein Traum sei, wird ihm mit "Ein Traum, was sonst?" beantwortet.

Das Stück endet, wie es begann. Ein traumartiger Zustand des jungen Offiziers umschließt die Akte. Beide Szenen werden durch die Regie mit gleißend hellem Lichttor, durch das der Prinz schreitet, eingeleitet. Die Spannung knistert, die Zuschauer halten den Atem an, so unheimlich es wirkt, das Wissen um das Überleben des Prinzen ist dem Oberstufenpublikum präsent, dennoch gleitet die düstere Gestaltung in schauriges Empfinden.

Der Schlusssatz hebt dies alles auf und das Ensemble erntet tosenden Applaus für literarisch "Schwerverdauliches".

Von Christiane Weinhold

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 30.09.2010
Bildquelle: WP-Fotos (2) von Christiane Weinhold (cw)


  Stadt Bad Berleburg
  Kreis Siegen-Wittgenstein