Theater

Bewegende Doris Kunstmann glänzt in dem Ein-Personen-Stück "Oskar und die Dame in Rosa"

Angst vor dem Ungewissen

  • Doris Kunstmann verkörperte Oskar, Oma Rosa, Oskars Eltern und Dr. Düsseldorf (WP-Foto: Christiane Weinhold)
  • Doris Kunstmann verkörperte Oskar, Oma Rosa, Oskars Eltern und Dr. Düsseldorf (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Bad Berleburg. (cw) Still betraten die Zuschauer das Berleburger Bürgerhaus. Das Gros von ihnen wusste um den Inhalt von "Oskar und die Dame in Rosa" offenbar gut Bescheid, und um die Darstellerin des Ein-Personen-Stückes, Doris Kunstmann. In der Inszenierung der Agentur Landgraf zog die Grand Dame des deutschen Theaters alle Register der Emotionalität.

Oskar, der Eierkopf (Doris Kunstmann) ist ein zehnjähriger Junge, der an Leukämie erkrankt ist. Während seines langen Krankenhausaufenthaltes, der alles an Therapiemöglichkeiten ausschöpft und dennoch zu keinem Erfolg führt, lernt der Junge Oma Rosa (Doris Kunstmann) kennen. Nur er nennt sie so. Er fasst Vertrauen zu ihr, eine stille Zuneigung entwickelt sich, da Oskars Eltern kaum die Zeit haben, sich um die Belange ihres Kindes intensiv zu bemühen.

Traurig und enttäuscht dadurch baut sich eine Innigkeit zwischen dem kranken Kind und der ehemaligen Catcherin Oma Rosa auf. Ehrenamtlich arbeitet sie und erklärt dem Kind, doch mit ganzer Seele einen Brief an den liebe Gott zu schreiben, um ihn um Heilung und eine gesunde Zukunft zu bitten, wenn schon der Arzt Dr. Düsseldorf und auch seine Eltern, die er "voll blöd" findet, ihm nicht dazu verhelfen können.

Doris Kunstmann erzählt das Buch des Schweizer Autors Eric Emmanuel Schmidt mit herzergreifender Inbrunst. Sie bewegt sich in die Seelenempfindungen der Menschen im Saal, macht Fahrten durch ihr eigenes Mut machendes Leben als Kämpferin im Sparring und gibt Gebrauchsanweisungen der tief gehenden Art im Umgang mit dem Glauben an Gott und mit schweren Erkrankungen.

Bittersüß und zum Weinen komisch interpretiert die fantastische Mimin das Sterben eines Jungen, der im Verlauf des Stückes rhetorisch nahezu die Philosophie eines großartigen Denkers erlangt. Doch bleiben immer Spuren der Kindlichkeit, der Angst vor dem Ungewissen und die Frage nach dem Tod und einem eventuellen Weiterleben.

Mit Hochachtung erklärt Oma Rosa Oskar eine alte nordische Sage, in der die letzten zwölf Tage eines Jahres von Mystik geprägt sind. Sie umschreibt einen Tag als Zeitraum für 10 Jahre Menschenleben. Oskar nimmt dies als für sich geltend an. Ironie des Schicksals ist hier das Bewusstsein des Kindes, dem Tod sehr nahe zu sein, daher wird fortan jeder Tag, es ist der 19. Dezember, wie zehn Jahre Lebensalter genossen.

Doris Kunstmann verkörperte Oskar, Oma Rosa, Oskars Eltern und Dr. Düsseldorf (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Doris Kunstmann legt mit ihrer Mimik und ihrer seelenvollen, sonoren Stimme, eine Weisheit in die Bucherzählung, die an Zartheit und krassem Gegensatz Grausamkeit ob der Tatsache Tod, so wohl auf ihren Leib geschneidert ist. Unübertrefflich trägt sie das Schicksal des kleinen Jungen, verwandelt ihn in kurzer Zeit in einen liebenden Ehemann der kleinen Mitpatientin Peggy Blue, denn er altert ja pro Tag um zehn Jahre, und lässt ihn in Raum und Zeit all das erkennen und nutzen, was ein Menschenleben an Reife durch wirkliche gelebte Jahre an Erfahrung und Kenntnis erlangen kann.

Oskar erklärt zu Beginn, er sei nicht gläubig, weil seine Eltern das auch nicht seien. Im Verlaufe seiner Briefe an Gott im Krankenhaus erklärt er sich und dem Publikum, es gibt da einen Gott, eine Wesenheit, die uns nur im Geiste besucht, die uns alles an Reichtum gibt und uns innerlich stärkt, immer für uns da ist. Auch über den Tod hinaus. Letztlich stellt Oskar ein Schild auf seinen Krankenhausnachttisch: "Nur der liebe Gott darf mich wecken".

Untermalt hat die Regie das gesamte Stück mit der Piano-Balade "Trois Gymnopédies" von Erik Satie.

Der Tod des kleinen Oskar, hier ein Theaterstück, ist zigfache Realität jeden Tag rund um den Erdball. Doris Kunstmann besuchte den Zuschauer auf ihre Weise im Geist, wie Gott es tut. Sie hinterlässt Schweigen, es flossen Tränen der Emotionen und dafür erntete sie vom Publikum stehende Ovationen.

Von Christiane Weinhold

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 17.03.2011
Bildquelle: WP-Fotos (3) von Christiane Weinhold (cw)


  Stadt Bad Berleburg
  Kreis Siegen-Wittgenstein