Gedenken
Nina Hoger und Ensemble Noisten
erinnerten mit jüdischer Musik an Holocaust-Opfer
Lyrik und Klezmermusik
Bad Berleburg. (cs) Seit dem Jahr 1996 gilt der 27. Januar in Deutschland offiziell als Gedenktag für die Opfer des Holocaust und die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee. Doch die Denkwürdigkeit ist leider noch nicht zur Bewusstheit geworden.
Die Kulturgemeinde Bad Berleburg mit ihrem Vorsitzenden Otto Marburger weist seit einigen Jahren mit würdigen Veranstaltungen auf die Geschehnisse, die Barbarei und das Nichtvergessen der Gräueltaten des Dritten Reiches hin und möchte es genau zu besagtem Datum zur festen Einrichtung der Erinnerung werden lassen.
Das Wuppertal Klezmer-Ensemble Noisten arbeitet mit der Schauspielerin Nina Hoger zusammen und kreierte eine nachdenklich stimmende musikalische Lesung mit Werken der gebürtigen Wuppertaler Lyrikerin und Jüdin Else Lasker-Schüler.
Die evangelische Kirche an der Schlossstraße gab der Lesung "Tiefer beugen sich die Sterne" den angemessenen Rahmen. Else Lasker-Schüler war Jüdin und hatte es ob dieser Tatsache natürlich in Nazi-Deutschland unendlich schwer. Doch sie ging unbeirrt ihren künstlerischen Weg. Sie lebte die Kunst, die Schriftstellerei und den Expressionismus. Keine ganz leichte Kost, die die Zuhörer in der sehr gut besuchten Berleburger Kirche aufzunehmen und schließlich zu verinnerlichen hatten.
Nina Hoger las die Lebenspoesie der kleinen dunkelhaarigen, knabenhaften Frau mit durchdringender Stimme, langsam und einprägend. Nina Hoger war für zwei Stunden Else Lasker-Schüler. Empathisch reihte sie die Bilder aneinander, ließ Pausen für das Publikum zum Resümieren, schaute in die Runde, um erneut der Wuppertalerin posthum eine sonore Stimme zu verleihen. Dann griffen die Musiker des Klezmer-Ensembles Noisten, Claus Schmidt (Gitarre), Reinald Noisten (Klarinette), Andreas Kneip (Kontrabass) und Shan-Dewaguruparan (Tabla) zu ihren Instrumenten, jeweils harmonisch die altjiddischen Melodien mit moderner Klezmer-Komposition abgestimmt auf die Schriften der Dichterin.
Jüdische Hochzeitsmusik
Die vier Musiker belebten mit der traditionellen jüdischen Fest- und Hochzeitsmusik, was Klezmer auch bedeutet, das gesprochene Wort Nina Hogers mit osteuropäischer Rhythmik, malten Farben aus Musik und erweckten die Poesie zu einem bunten Tanz der Fantasie. Doch die Imagination war nicht allein von der Fröhlichkeit der wundervollen Melodien durchwoben, eine melancholische, sentimentale Grundstimmung lag im Raum und war gewollt. Sie ist generelle Verkörperung des Nichtvergessens, der steten Erinnerung und der Mahnung an alle nachfolgenden Menschengenerationen.
Die Selbstironie in Else Lasker-Schülers Dichtung ist für das sensible Gefühl vielfach Zweck zum Überleben der Gedanken an den Holocaust. Es ist nicht einfach das Motto "das Leben geht weiter", es ist und soll es für die Menschheit sein: Appell an uns alle, an das Gute im Menschen.
Langsam streicht sich Nina Hoger immer wieder mit beiden Händen durch das kräftige rote Haar, nimmt einen tiefen Atemzug und kehrt ein in die Vita der 1945 in Jerusalem verstorbenen Else Lasker-Schüler. Ohne Bewertung stellt sie das Lebenswerk mit lyrischen Einflechtungen vom "blauen Klavier", "dem leuchtenden Baum", dem "Sternengeläut in der Julinacht" und der Else Lasker-Schüler, die ihr Leben dichtete und ihre Dichtung lebte, ins Publikum.
Zuhörer gefordert
Die Zuhörer waren nun gefordert, sich ein Bild zu machen von der Dichterin. War sie lebenslustig, unstet, war sie problematisch in Anbetracht ihrer zahlreichen Partnerschaften mit zwei gescheiterten Ehen und würde heutzutage ein Lebensstil ohne eigenes, festes Einkommen funktionieren? Die Antworten gab Hoger mit ihrer Stimme in verschlüsselten, expressionistischen Sentenzen und schlussfolgerte mit dem Zitat: "Tiefer beugen sich die Sterne - in mein verwandeltes Gesicht."
Von Christiane Sandkuhl
WESTFALENPOST vom 30.01.2012
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Sandkuhl (cs)


