Theater

"Leonce und Lena" - Strudel der Emotionen

  • Glücklich vereint, nachdem sie festgestellt haben, sie gehören doch zueinander: Lena (Franziska Endres, sitzend vorn) und Leonce (Michael Köckritz). Die Gouvernante (Franziska Knetsch) und Valerio (Sascha Oliver Bauer) schauen nebst den Staatsräten (Daniel Sempf und Florian Federl) friedlich drein. (WP-Foto: Christiane Weinhold)
  • Glücklich vereint, nachdem sie festgestellt haben, sie gehören doch zueinander: Lena (Franziska Endres, sitzend vorn) und Leonce (Michael Köckritz). Die Gouvernante (Franziska Knetsch) und Valerio (Sascha Oliver Bauer) schauen nebst den Staatsräten (Daniel Sempf und Florian Federl) friedlich drein. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Bad Berleburg. (cw) "Kein Einlass heute?" - Unruhig trat das Publikum für Georg Büchners "Leonce und Lena" im Foyer des Berleburger Bürgerhauses vom einen auf den anderen Fuß. Doch: weit gefehlt! Prinz Leonce setzte gemeinsam mit Bonvivant Valerio die Szenerie dort schon in Gang.

Hier bekamen die etwa 100 vorwiegend jungen Menschen (fast allesamt Literaturschüler der Klasse 12 des JAG) bereits Kenntnis philosophischer Anwandlungen über Lust, Müßiggang und Langeweile. Bewegte und bewegende Lustspielhintergründe folgten im ungewöhnlich gestalteten Veranstaltungsraum: Ein weißer Pool diente als Bühne, Spielwiese, Landesgrenze und Gebirge.

Raffiniert

Das Hessische Landestheater Marburg weiß stets mit raffinierter Staffage, teils mit spartanischen Mitteln, Lichteffekten und humorgespickten Maskeraden und nicht zu vergessen mit begabten Darstellern die Gemüter auf seine Seite zu ziehen.

Büchners Ansinnen zu seinen Darmstädter Zeiten wares, eine Polit-Satire zu erschaffen, eine Kritik an der damaligen Landessituation. Dem zu jung verstorbenen Genie ist weit mehr gelungen - ein Stück, flexibel anpassbar an alle Zeitalter und politischen Staatshintergründe bis hin in intime, amouröse Bereiche. Dies machten sich die Marburger zu Nutze und füllten das 1836 entstandene Bühnenstück mit gegenwärtiger Musikkultur und aktuellem Bezug zur Staatskunst.

Der Wunsch König Peters (Stefan Gille), sein Sohn Prinz Leonce (Michael Köckritz) möge doch heiraten und die Staatsgeschäfte übernehmen, macht den jungen Mann gemeinsam mit Valerio (Sascha Oliver Bauer) umtriebig. Leonce hat rein gar keine Lust, Verantwortung zu übernehmen und flieht nach Italien, wo er, unwissend wer sein Gegenüber ist, auf die ihm in seinem Heimatreich Popo mit ihm verlobte Prinzessin Lena (Franziska Endres) vom Reich Pipi und ihre Gouvernante (Franziska Knetsch) trifft.

Heftige Liebe

Eine heftige Liebe zwischen den beiden entbrennt, die umstehenden Akteure werden in den Strudel der Emotionen mit hineingesogen. "Azzurro" erklingt es vor mit Schäfchenwolkenhimmel geschmücktem Hintergrund. Dann ein Sprung zu Kylie Minoque und Nick Caves "Where the wild roses grow" und Nancy Sinatras "These boots are made for walking" in die US-Charts.

Schwarz-rot-gold gekleidete Mimen erzeugen den deutschen Beigeschmack. Eine an die Lamellenbühnenwand gebeamte Personengruppe vor einem Wohnwagen bringt die Erinnerung mit "Wir sind das Volk" an die deutsche Wiedervereinigung auf den Plan. Satirischer geht es nicht. Fordert hier das Volk Mitbestimmung, hat zu Beginn König Peter erklärt, für sein Volk denken zu müssen und von seinen Politikern den symmetrischen Gang in jeder Hinsicht verlangt. Der Präsident offenbart sich gar als stammelnder Trottel, vergleichbar einer Mordillo-Figur, und gibt sich der Lächerlichkeit preis.

Italienflucht

Nach ihrer eskapadenreichen Italienflucht in heimatliche Gefilde zurückgekehrt, werden Leonce und Lena schlussendlich vermählt, immer noch ohne zu wissen, wer der andere ist. Jedoch noch vor dem Altar wird das Geheimnis gelüftet. Zunächst entsetzt, doch dann von Gefühlen überwältigt, erkennen sie, dass hier zusammenwächst, was zusammen gehört.

Eine fröhliche, aktuelle, spritzige und clevere Inszenierung rüttelte das junge Publikum wach, ließ beim reiferen Zuschauer Erinnerungen aufkeimen und setzte zugleich eine politisch-satirische-historisch-amouröse Fantasiemaschinerie in den Köpfen in Gang.

Von Christiane Weinhold

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 07.05.2010
Bildquelle: WP-Fotos (2) von Christiane Weinhold (cw)


  Stadt Bad Berleburg
  Kreis Siegen-Wittgenstein