Theater
Nur wenige sahen "Leonce und Lena"
mit einigem Licht und einem bisschen Schatten
Eigentlich mehr Erfolg verdient
Kecke Regie-Einfälle, gute Schauspieler, ein schönes Bühnenbild
machten die Albernheiten sowie die schlechten Kostüme und die blasse Maske wett.
Bad Berleburg. (jg) "Nadine" und "Maurice" - das klingt vertraut für unsere Ohren. Anders ist das mit "Leonce", diesen französischen Vornamen hört man quasi nie an deutschen Taufbecken oder in teutonischen Standesämtern. Eigentlich gibt es ihn bei uns nur in Kombination mit dem Rufnamen "Lena", denn "Leonce und Lena" ist der Titel eines Lustspiels von Georg Büchner. Und eben jene Komödie brachte das Hessische Landestheater Marburg vorgestern auf die Bühne im Berleburger Bürgerhaus. Wobei das nicht ganz stimmt, denn gespielt wurde diesmal vor der eigentlichen Bühne. Ebenerdig war die weiß umrandete weiße Turnmatte platziert, hinter der sich eine weiße Wand aus Lamellen auftat. Die durch dieses Bühnenbild flachfallenden Sitzplätze waren kein Probleme, nicht einmal 100 Karten waren für die Aufführung verkauft worden.
Und deshalb konnte die Kulturgemeinde auch dem ersten Wunsch der Marburger Schauspieler entsprechen - und das Stück quasi mit einem Vorspiel im Foyer beginnen lassen. Prinz Leonce erläuterte dort seinem Vertrauten Valerio in komplizierten altmodischen Sätze die unerträgliche Ödnis des Seins, bevor zwei Slapstick-Polizisten in der grünen Uniform aus dem Hier und Jetzt vom Marktplatz reinkamen und die Szene auflösten. Sinn und Zweck der Übung erschloss sich nicht so ganz, nichtsdestotrotz dürften die Zuschauer im Anschluss ihre Sitzplätze einnehmen, um diese - sehr grob umrissene - Geschichte zu sehen.
König Peter will den Müßiggang seines melancholischen Sohnes Leonce beenden und befiehlt, dass dieser Lena - Prinzessin aus dem Nachbarland - heiraten soll. Beide Königskinder wollen das nicht, begeben sich auf die Flucht, laufen sich unerkannt über den Weg und verlieben sich. Am Hofe erscheinen zur vorbereiteten Hochzeit dann jedoch zwei lebensgroße Puppen, die sich das Jawort geben, bevor sie die Masken abnehmen und einander als Leonce und Lena erkennen. War der Inszenierung in diesem Punkt schon sehr schwer zu folgen, so hatte sie auch zwischendurch immer mal wieder ihre Schwächen.
Hier und da wirkten die Regie-Einfälle allzu albern, wobei sie vielleicht dennoch im Sinne Büchners waren, wenn man bedenkt, dass er selbst die Königreiche, aus denen Leonce und Lena stammten, Pipi und Popo nannte. Insgesamt hinterließ die Aufführung dennoch eher einen positiven Nachgeschmack, an vielen Stellen wurde die Geschichte wirklich originell, modern und geistreich umgesetzt, auch wenn sich die oft von modernen Kritikern heraufbeschworene Polit-Satire-Botschaft des Stücks partout nicht vermitteln wollte. Zudem ergaben sich immer wieder schöne Bühnenbilder mit Hilfe der grellfarbig beleuchtbaren Turnmatten-Umrandung und aufgrund der Lamellen-Rückwand, durch die man so schön die unterschiedlichsten Gliedmaßen stecken konnte. Darüberhinaus wurde diese Wand einmal als Projektionsfläche für eine gefilmte Menschenmenge genutzt, aus der ein Mann wie von Geisterhand plötzlich in die Realität Berleburgs trat. Auch das sehr schön gemacht. Weniger beeindruckend waren indes die Maske - die Farbe der weiß geschminkten Gesichter blätterte schon allzu früh ab - und die Kostüme - schwarze Unterwäsche, die durch weiße Strumpfhosen schimmert, ist extrem abtörnend. Die Schauspieler hingegen boten eine sehr gute Ensemble-Leistung, aus der Franziska Knetsch als Gouvernante vielleicht mit einer Nasenlänge Vorsprung herausschaute und in der Valerio (Sascha Oliver Bauer) ein bisschen mehr glänzte, nicht nur wegen seiner gewienerten Glatze.
Bilder mit Glatze gibt es von Georg Büchner nicht, er trägt stets seine vollen braunen Locken. Was allerdings nicht verwundert, schließlich wurde er nicht einmal 24 Jahre alt. Ein Jahr vor seinem Tod in 1837 hatte Georg Büchner den Dreiakter in Straßburg für einen literarischen Wettbewerb geschrieben. Er verpasste jedoch den Einsendeschluss, deshalb wurde das Lustspiel erst knapp 60 Jahre später uraufgeführt. So war der schlechte Besuch in Bad Berleburg lediglich ein neuer Misserfolg des Stücks, das jedoch eigentlich etwas anderes verdient hätte.
Von Jens Gesper

SWA-Anzeiger (Siegener Zeitung) vom 07.05.2010
Bildquelle: SZ-Foto von Jens Gesper (jg)


