Internationale Musikfestwoche

"Raritäten - Barock und mehr"

2. Abend der 38. Internationalen Musikfestwoche auf Schloss Berleburg

Das Kinsky-Trio aus Prag vermittelte im Foyer auf Schloss Berleburg die Tiefgründigkeit der russischen Seele. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Bad Berleburg. (cw) Der Gedanke an Weihnachten mag bei den derzeitigen Hitzerekorden in Wittgenstein wohl kaum naheliegen und dennoch: es gibt Menschen, die auch im Hochsommer das Himmlische erklingen lassen.

Der zweite Abend der 38. Internationalen Musikfestwoche auf Schloss Berleburg war einer dieser Momente, die das Heimelige und das Wohlgefühl zu Gemüte führten. Der Salzburger Konzertmeister Luz Leskowitz erwählte mit seinen Künstlern den Themenbereich "Raritäten - Barock und mehr", und in der Tat, es war sehr viel mehr als der Titel versprach. Insbesondere die Freunde der eher weniger in der Öffentlichkeit stehenden Komponisten des slawischen Raumes erlebten hier eine Collage, in der ein Highlight dem nächsten folgte. Die Einleitung für den sanften Atmosphärenverlauf gestalteten die Künstler der "Salzburger Solisten". Jeder einzelne von ihnen, ob die Issaenkova-Zwillinge Elena und Tatjana (beide Viola und Geige), Minjung Kang (Violine), Vladimir Mendelsohn (Viola), Uwe Hirth-Schmidt (Cello), Mette Hanskov (Kontrabass) und Luz Leskowitz (Violine) selbst, strichen und zupften begnadet mit Johann Pachelbels "Kanon und Gigue in D-Dur", Maxim Chandoschkins "Andante con variazioni" und Johann Baptist Vanhals "Konzert für Kontrabass und Streicher in D-Dur" über die Saiten ihrer teils historischen Instrumente. In nahezu höchster Vollendung interpretierten sie nicht nur die Werke allein, gaben zugleich ihrer ureigenen Persönlichkeit die Offenbarung der absoluten Liebe zu dieser Musik dem Publikum wieder.

Die Variationen Chandoschkins füllten den Ort mit russischem Seelenanteil und es blieb nicht der leiseste Wunsch der osteuropäischen Musikkunst offen. Taigaklänge, folkloristische Tendenzen und gar lieblich bis bittersüße Sentenzen bereicherten das Spiel.

Voller Wehmut und Sehnsucht wusste bereits Beresowski die Weiten seines Landes, der Natur und das Bizarre der russischen Landschaft in Takte umzusetzen. Das Kinsky-Trio aus Prag mit Lucie Sedlakova Hulova (Violine), Martin Sedlakov (Violoncello) und Slavka Pechocova (Klavier), setzte sich vor gut besuchtem Haus in Berleburg mit der Tiefgründigkeit der Komposition und der Verbindung zum Hier und Jetzt intuitiv auseinander. Weiteres großes barockes Werk der drei Prager war das Franz Xaver Mozart-"Quartett" für Klavier, Violine und Cello.

Humorvoll darf die dänische Kontrabassistin Mette Hanskov sicherlich als Clownesse bezeichnet werden. Ihr stetes Lächeln, ihre Kommentare und verbalen Ausführungen, sowie die Liebkosungen ihres Instrumentes erlauben die Vermutung, einen Menschen vor sich zu haben, der in der Zartheit wie in der Burschikosität der Kompositionen Vanhals aufgeht. Immer wieder gelingt es ihr in Berleburg mit ihrer persönlichen wie musikalischen Vorgehensweise leicht schräg das Zwerchfell des Publikums zum Vibrieren zu bringen.

Gereift und locker, mit offenem, frohem Blick, denn er kennt nach vier Auftritten in Berleburg hier schon seine Fans, spricht der 22-jährige Däne Andreas Brantelid durch sein Cello. In Boccherinis "Konzert für Violoncello und Streicher in B-Dur" liegt hier die Vermutung sehr nahe, Brantelid schaut, auch wenn er ohne Partitur arbeitet, geradezu voraus, was ihn an Klangaugenblicken erwartet, wie er sich selbst auf die Akkorde, das Continuo mit Hingabe einschwingt. Erhabenheit, Brillanz und Genie sind die treffenden Begrifflichkeiten, die in seinem akustisch gut vernehmbarem Atem und seiner eigenen Körpersprache wirken. Dass hier das Göttliche aus ihm sprach, dankte das Publikum mit minutenlangen, teils stehenden Ovationen. Am heutigen Donnerstag, um 19.30 Uhr können Interessierte den jungen Künstler abermals beim "Romantischen Abend" auf Schloss Berleburg erleben.

Von Christiane Weinhold

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 08.07.2010
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Weinhold (cw)


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