Theater
Jahrgangsstufen 12 sehen Landestheater-Aufführung
von Goethes "Iphigenie auf Tauris"
Dualität von Moral und Intrige meisterlich in Szene gesetzt
Bad Berleburg. (cs) Die Antike lieferte und liefert den großen Dichtern und Denkern immer wieder Themenbereiche, die bis in die Moderne ihre Gültigkeit behalten - das bewies das Westfälische Landestheater Castrop Rauxel mit "Iphigenie auf Tauris".
Der wohl größte deutsche Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, bediente sich mannigfach in seinen Werken der Weisheit, Moral und Tugend der alten Griechen und verfasste auch mit seinen Blankversen der "Iphigenie auf Tauris" ein monumentales Stück, das heute mehr Lehr- und Lernstoff in den gymnasialen Oberstufen und an den germanistischen Fachbereichen der Universitäten bedeutet, als sonst in einem Lebensbereich. Und dennoch: sowohl die Skythen als auch der Dichter selbst erreichen selbst die Weltpolitik und die Wirtschaft in ihren Arbeitsbereichen und lassen Sinniges auch hier erkennen.
Im Berleburger Bürgerhaus fanden sich jetzt auf Einladung der hiesigen Kulturgemeinde die Jahrgangsstufen 12 des Bad Berleburger JAG, des Städt. Gymnasiums Bad Laasphe, des Gymnasiums Schloss Wittgenstein und Studenten des Fachbereichs Germanistik der Universität Siegen ein, um der Loslösung von Untugend, Intrigen und Lügen beizuwohnen.
Klassisches Drama
Das Westfälische Landestheater bot mit dem Ensemble um Iphigenie (Sophie Schmidt) erlesene und geballte Schauspielkunst, Wortgewalt und Körpersprache. Thematik und Struktur fußten eindeutig auf der klassischen Dramenstruktur. Impulsgeberin für die Tendenz zur Menschlichkeit, zur Souveränität des Einzelnen ist Iphigenie. Sie leistet während ihrer Verbannungszeit auf die Insel Tauris des Königs Thoas (Andreas Wobig), der sie heftig begehrt, enorme Überzeugungsarbeit. Sie entscheidet sich im Geflecht von Lügen und Verstrickungen in freiem Willen für die Wahrheit.
Die Göttin Diana rettete die Griechin einst vor dem Opfertod in ihrer Heimat, zu der sie sich inbrünstig zurücksehnt und agiert auf Tauris für Diana als Priesterin. Der Ruf der Heimat ist unstillbar für Iphigenie. Als zwei Freunde, die auf der sagenhaften Insel stranden, von Thoas gefangen genommen werden und zum Opfertod bestimmt werden, erkennt einer von ihnen, Orest (Roni Merza), seine totgeglaubte Schwester Iphigenie. Sein Begleiter Pylades (Guido Thurk) indes schmiedet wenig Überzeugendes für Iphigenie.
Er legt einen Fluchtplan vor, der allerdings dem Moralverständnis Iphigenies widerstrebt. Zielstrebigkeit, Offenheit für die Welt, Emotionalität und Optimismus sind die Werte, die Iphigenie vehement propagiert. Und sie überzeugt mit harter Arbeit, sowohl Pylades von Tugendhaftigkeit als auch Thoas von ihrem ehrlichen Sehnen in ihre griechische Heimat, ungeachtet der Vergangenheit und der Erinnerung an den Mord an ihrem Vater und der Mutter, ausgeführt durch ihren Bruder Orest.
Das Landestheater setzte mit seiner Bühnengestaltung die Fantasie in Gang und förderte mit einfachen Mitteln die Insel Tauris zutage. Grüner Kunstrasen bedeckte, vier leicht angewinkelte Holzplatten zur Versinnbildlichung einer hügeligen Landschaft, gut die Hälfte der Bühne. Das Standbild der Diana thronte im Hintergrund auf einer hohen blauen Wassertonne. Der Strand der Tauris ist erreichbar über schmale Bretter getragen von halbierten Wasserfässern die mutmaßlich das Meer symbolisieren. Ein Dreieck bildendes Metallgestänge auf der linken Bühnenseite weist auf ein Tor hin, sei es als Eingang, sozusagen als Zuflucht und Rettungsweg für Iphigenie als auch der Ausweg, die Abkehr von Thoas in Richtung ihrer Rückkehr nach Griechenland.
Ganz in Weiß
Die Regie spielt hier und hat auch in der Staffage der Protagonisten nicht gekleckert. Iphigenie ganz in weiß, als Priesterin, Sinnbild für Tugendhaftigkeit und Gefühl und das Frauliche bestätigend.
Die männlichen Darsteller sind ausgestattet wie zum Kampf bereit mit Springerstiefeln. Besonders offensiv wird hier Arkas (Bülent Özdil), der Botschafter Thoas’ dargestellt. Deutlich wird hier die Dualität von männlich und weiblich, von Moral und Intrige, sowie von Krise, Konflikt und Lösung erarbeitet. Die Inszenierung war überdeutlich, verständlich und eine Meisterleistung an Sprachlichkeit und Performance.
Von Christiane Sandkuhl
WESTFALENPOST vom 28.09.2011
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Sandkuhl (cs)


