Sondertermine | Lesung

Dr. Rolf Hosfeld las im Gymnasium
aus seinem Buch "Operation Nemesis"

"Nicht ich bin der Mörder"

"Es ist schon verrückt, dass das vorige Jahrhundert
bereits sehr früh mit einem Völkermord beginnen musste."

Dr. Rolf Hosfeld (l.), hier mit Otto Marburger, las jetzt in Bad Berleburg aus seinem Buch 'Operation Nemesis'. (SZ-Foto: Dr. Volker Gastreich)

Bad Berleburg. (vg) "Es war gegen elf Uhr morgens, ein durchwachsener, kühler Tag mit leichten Schauern und gelegentlich aufblitzender Märzsonne, als ihn der gezielte Schuss aus einer 9-Millimeter-Parabellum aus nächster Nähe unvorbereitet in den Hinterkopf traf. Er fiel sofort vornüber und war tot." Mit diesen Zeilen nahm der Schriftsteller und Filmemacher Dr. Rolf Hosfeld am Mittwochabend in Bad Berleburg eine interessierte Zuhörerschaft mit in ein Berlin der 20 Jahre. Der freie Autor und ehemalige Abiturient des Johannes-Althusius-Gymnasiums war jetzt für die Lesung aus seinem Buch "Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern" in seine ehemalige Schule zurückgekehrt. Dabei stellte er dem interessierten Publikum das erste Kapitel seines Sachbuches vor, das mit der Ermordung des Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armenieren (1915 bis 1917) - des ehemaligen türkischen Großwesirs Talaat Pascha durch den armenischen Studenten Soghomon Tehlirjan - seinen Anfang nimmt.

Im Vortrag arbeitete Dr. Rolf Hosfeld die Vorgänge und näheren Zusammenhänge des politischen Attentats nach akribisch zusammengestellten unterschiedlichsten Quellen auf, immer im Hinblick auf die dem Attentat vorausgegangenen türkischen Greueltaten am armenischen Volk.

In seiner Lesung erwies sich der Autor als äußerst präziser Erzähler, der es vermag, die Vielzahl der überlieferten Dokumente aus jenen Tagen - seien es Quellen aus unterschiedlichen europäischen Archiven, Zeitungsberichte jener Zeit oder recherchiertes Hintergrundwissen von armenischen Freunden und Bekannten, in eine spannende erzählerische Form zu bringen.

Mit einem Mal waren die Zuhörer ganz nah dran am politischen Attentat, am 15. März 1921 in Berlin, erlebten den todbringenden Schuss des armenischen Studenten Tehlirjan immer wieder aus einer anderen Perspektive mit und wurden Augenzeuge der unmittelbaren Ereignisse nach der Tat sowie deren verstrickter Vorgeschichte.

"Schnell hat sich eine Menschentraube gebildet auf der Straßenseite gegenüber der alten preußischen Militärakademie", skizzierte Dr. Rolf Hosfeld die unmittelbaren Reaktionen auf den tödlichen Schuss nach - "Aufgeregtes Gestikulieren, erschrockene Lähmung; Gerüchte um erste verwegene Thesen über das Opfer und den Hintergrund des Anschlags machen die Runde, während der Täter kraftlos in die Fasanenstraße flüchtet, wo ihm Leute entgegenkommen, denen er nicht ausweichen kann."

In seinem Vortrag zeichnete der Autor schließlich auch die einzelnen Charaktere des Attentats sowie im Zusammenhang stehende Personen nach, immer wieder bemüht, die entsprechenden Zeitzeugenberichte aufzuführen. Er zitierte, berichtete, erzählte und deckte Schrittweise und aus wechselnden Perspektiven die wichtigen, der damaligen Öffentlichkeit verborgenenen Tatsachen rund um den Mord und die anschließende Verhandlung in Berlin auf, die schließlich mit dem Freispruch des armenischen Angeklagten endete. "Die Öffentlichkeit wusste jedoch damals nicht, dass der junge Student Tehlirjan dem geheimen Kommando 'Nemesis' angehörte, auf deren schwarzer Liste der Name Talaat Pascha an erster Stelle stand", fügte der Autor im Anschluss an die Lesung hinzu.

Wo der Vortrag am Mittwoch endete, erhellt das Buch in den anschließenden Kapiteln immer wieder in Szene gesetzten Rückblenden das gesamte grausame Geschehen an den Armeniern, auch die geistigen und kulturellen Hintegründe.

Wo die Lesung endete, riss Dr. Rolf Hosfeld aber auch jene Details in einer kurzen Einführungsrede in die Thematik an oder kam auf sie in einer anschließenden Diskussion mit dem Publikum zu sprechen. Die Moderation übernahm dabei Otto Marburger, der Vorsitzende der Kulturgemeinde Bad Berleburg, die den Abend in Zusammenarbeit mit dem Johannes-Althusius-Gymnasium und der Bücherei MankelMuth organisiert hatte.

Letztlich sei das Attentat, das der Pistolenschütze seinerzeit mit den Worten - "Nicht ich bin der Mörder, sondern er" - kommentierte, gerade auch für das Deutschland jener Tage eine "delikate Angelegenheit" gewesen, stellte der Autor abschließend fest. "Es ist schon verrückt, dass das vorige Jahrhundert bereits sehr früh mit einem Völkermord beginnen musste", fügte Otto Marburger nachdenklich hinzu.

Von Dr. Volker Gastreich

Siegener Zeitung

Siegener Zeitung vom 11.06.2010
Bildquelle: SZ-Foto von Dr. Volker Gastreich (vg)


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