Theater
"Die Buddenbrooks" im Bad Berleburger Bürgerhaus
Bad Berleburg. (cs) Thomas Mann hat mit seinem Erstlingswerk "Die Buddenbrooks", der Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie, in vielfach autobiografischer Art und Weise bereits als 24-Jähriger ordentlich an den bürgerlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts gerüttelt. Inwiefern dies die Neuzeit und aktuell die gesellschaftlichen Sichtweisen tangiert, erlebte das Publikum nun im Bad Berleburger Bürgerhaus.
Mit dem Schauspiel und namhaften Darstellern gelang es der Konzertdirektion Landgraf aus Titisee-Neustadt erneut für die Kulturgemeinde Bad Berleburg und ihrer großen Fangemeinde anspruchsvolles, zum Welttheater avanciertes Schauspiel auf die Bühne zu stellen. Dabei waren es nicht nur die reifen Zuschauer, die sich vom Auf- und Niedergang, von Verlustängsten, bürgerlichen Werten und der Geschichte der bürgerlichen Strukturen ein Bild machen wollten. Die Jahrgangsstufen elf des JAG Bad Berleburg, sowie der beiden Bad Laaspher Gymnasien hatten mit Thomas Mann brillante Möglichkeit zum Miterleben, Mitleiden und Mitfühlen wie Wirtschaft, Geld, Macht und Gier die verwinkelten Charakterecken der Protagonisten verderbten, verdarben und sie dennoch nicht verzweifeln ließen.
John Düffels Bearbeitung der "Buddenbrooks" bediente sich ansprechender, raffinierter Darstellungsmethoden der Zeitsprünge. Das Bild der Lübecker Familie ist farblich stark begrenzt auf Weiß- und Créme-Töne. Demgegenüber stehen dunkle Nuancen, alles Motive der Kontrastierung zwischen Verfall und Bourgoisie. Die Akteure bewegen sich fortwährend auf schrägem Untergrund, wobei die Interpretation sowohl im Symbolgehalt als auch im sichtbaren Augenmerk der "schiefen Bahn" naheliegt.
Die Bühne steht als Handlungsort Lübeck als auch der mannigfachen Aktionshintergründe wie Hamburg oder Auslandswohnorte der Buddenbrookschen Familienmitglieder. Gesprächsszenen werden künstlerisch in den Hintergrund gerückt, mit Scheinwerfern fokussiert oder mit dunklen Farbeffekten in die Vergangenheit transportiert.
Die rund 40 Jahre umfassende Familiengeschichte erfährt in Berleburg ihren Anfang mit der Heirat Antonie Buddenbrooks (Martina Dähne), mit dem reichen Hamburger Geschäftsmann Bendix Grünlich (Alexander Morandini). Antonies heimliche große Liebe bleibt allerdings der Göttinger Medizinstudent Morten Schwarzkopf (Jan Opperbeck) Obwohl er ihr in seiner ganzen Art widerlich ist, tritt die junge, naive Frau auf Anraten der Eltern Jean (Klaus Mikoleit) und Elisabeth Buddenbrook (Heidemarie Wenzel) mit Grünlich vor den Traualtar und geht anschließend mit ihm nach Hamburg. Geschäftliche Notwendigkeiten und finanzielle Beweggründe überzeugen die junge Frau, obwohl zugegeben keinerlei Zuneigung wachsen will.
Das noch unerschütterte Lebensgefühl der ältesten Bürgergeneration wird mit der betrügerischen Lebensart Grünlichs, der Art des Lebemanns Christian Buddenbrook (Jörg Walter), Thomas Buddenbrooks (Hans Machowiak) kompliziertem Persönlichkeitsbild dem Verfall der bourgoisen Familie Buddenbrook zugeführt.
Das pietistische Empfinden Jeans führt die Familienstruktur in gegensätzliche Bahnen. Verfall ist für Thomas Mann, auch die Voraussetzung für neue Lebensformen, Verfall ist Differenzierung und Steigerung der geistigen und ästhetischen Empfindungsfähigkeit, und ohne den décadent, den kleinen Hanno, Sohn der Eheleute Thomas und Gerda Buddenbrook (Irene Jacoba-Holzfurtner) wären Menschheit und Gesellschaft seit diluvialen Zeiten keinen Schritt vorwärtsgekommen. Es ist die Lebensuntauglichkeit, welche das Leben steigert, denn sie ist dem Geist verbunden. An dieser Stelle musste die Regie das Theaterstück leider abbrechen, da der Darsteller des Thomas Buddenbrook (Hans Machowiak) hinter der Bühne einen Zusammenbruch erlitt. Klaus Mikoleit trat anschließend vor das Publikum, sichtlich traurig, und erzählte den Ausgang der Szenerie, um den Bogen der "Buddenbrooks" doch noch rund zu machen.
Erschüttert nahm das Publikum mit großem Verständnis und bewegtem Applaus Abschied von den Schauspielern, die so unnachahmlich die Lübecker Familiengeschichte lebensnah betrachteten. Klaus Mikoleit und Heidemarie Wenzel sind dem Publikum als Darsteller vieler TV-Serien ein Begriff. Aktuell steht Heidemarie Wenzel als an Alzheimer erkrankte Eva Globisch in "In aller Freundschaft" vor der Kamera. Kollege Klaus Mikoleit mimte einst den Chefarzt Professor Dr. Günther in der Krankenhaus-Serie "Für alle Fälle Stefanie".
Von Christiane Sandkuhl
WESTFALENPOST vom 25.11.2011
Bildquelle: WP-Fotos (3) von Christiane Sandkuhl (cs)




