Theater

Eines der größten Meisterwerke deutscher Literatur:
"Der zerbrochene Krug"

Das "Poetenpack" aus Potsdam landete großen Coup

'Der zerbrochene Krug' (Poetenpack Potsdam): Großartige Mimen zeigten grandiose Sprach- und Schauspielkunst mit spartanischen Mitteln auf der Berleburger Bürgerhaus-Bühne. (WP-Foto: Christiane Weinhold)

Bad Berleburg. (cw) Unmoral macht vor keiner Gesellschaftsschicht tatsächlich halt. In allen Winkeln wird gelogen, betrogen und im Kleinen auch mal was vertuscht, geschwindelt oder mit dem Mantel des Schweigens überdeckt. Dies ist ganz und gar keine Erscheinung der Neuzeit.

Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug" ist eines der größten Meisterwerke deutscher Literatur, das menschliche Verfehlungen auf die dubioseste und raffinierteste Weise wiedergibt. Augenwischerei, der schöne Schein und die Lüge der Gesellschaft hohen Ranges wird mit wenigen Worten aus der Welt geschoben und übrig bleibt dann die nackte Wahrheit.

Diese Klarheit erlangte nun auch ein sehr junges Publikum im Berleburger Bürgerhaus. Die vornehmlich Oberstufenschüler des JAG bekamen mit der Einladung der Kulturgemeinde Bad Berleburg zu ihrem Abiturbegleitthema tiefe Einblicke in menschliche Abgründe.

Dorfrichter Adam (Teo Vadersen), ein sonst ehrenwerter Mann, der allerdings nicht die Juristerei studiert hat und auch sonst ein für den Juristenstand recht unkonventionelles Erscheinungsbild bietet, verstrickt sich beim Besuch des Utrechter Gerichtsrates Walter (Andreas Hueck) in fadenscheinige Verstrickungen bezüglich seiner Kopfverletzungen und der nicht aufzufindenden Ornatsperücke.

Mit seiner Lebenserfahrung und seinen Verdächtigungen des Amtsrichters gibt er unmissverständlich mit Schärfe und Spitzfindigkeit seine Beobachtungen preis. Der zerbrochene Krug, das eigentliche Corpus Delicti, der Witwe Marthe Rull (Gundi-Anna Schick), ist vorgeschobenes Argument für den Gegenstand des Gerichtstages im Dorf Huisum.

Für sie ist der kaputte Haushaltsgegenstand Erbstück für ihre Tochter Eve (Marja Hofmann), Historienträger der niederländischen Geschichte und des dortigen Adelshauses, ein Kleinod, das die Erinnerungen auch an ihren verstorbenen Gemahl leben lässt. Doch wer hat das Teil zerbrochen? Für sie ist der Verlobte Eves, Ruprecht (Philipp Eckelmann), der Bösewicht. Er ist Zerstörer schöner Erinnerungen, Beschmutzer der Familienehre und nicht würdig, Eves Gemahl zu werden. Aus dieser Annahme heraus strickt Marthe eine Intrige gegen ihr eigenes Kind, um dem Ungemach der Heirat mit Ruprecht die Luft zu nehmen.

Dreh- und Angelpunkt ist natürlich immer wieder der titelgebende "zerbrochene Krug". Doch es ist viel mehr als diese Lappalie. Dahinter steckt die Aufdeckung ungereimter Vergehen, entmoralisierter Gesellschaft und Kleists Gedanke mit Humor und Wortwitz, weniger mit Tugendhaftigkeit dem Menschen den wahren Menschen zu zeigen. Wie ist er nun?

Die Potsdamer Schauspieler zeigten großartiges Theater, blieben authentisch im Sinne Kleists, erreichten mit armseligen Bühnenrequisiten Einblicke in die Zeit um 1806, der Entstehungszeit des Lustspieles. Sie kitzelten mit der tragischen Figur des Dorfrichters den Gerechtigkeitssinn im Zuschauer, evozierten Gelächter im xanthippenhaften Auftreten der intriganten Gerechtigkeitsfanatikerin Marthe Rull, ließen neugierig auf die Beweisaufnahme der Frau Brigitte (Johanna Lesch) werden und grinsten fortwährend über die Speichelleckerei des Gerichtsschreibers Licht (Thomas Mai).

Die jungen Menschen im Saal klebten den Mimen förmlich auf den Lippen bei der Offenbarung des Dorfrichters wie er Eve begehrte, in unkontolliertem Augenblick im Zimmer der Eve den Krug bei der Flucht aus dem Fenster zerbrach und somit seinen richterlichen Stuhl zum Wanken brachte.

Die Sinne werden mit diesem umfassenden Werk geschärft. Augen und Ohren des Berleburger Publikums bekamen nicht allein eine Schulung in Tugendhaftigkeit, sondern Ausbildung im Hören zwischen den Worten und Lesen zwischen den Zeilen.

"Das Poetenpack" brachte lebendiges Theater des innerlich derangierten Kleists nicht allein zum Gelingen, sie landeten einen großen Coup und bleiben in der Erinnerung einer kleiner historischer Moment für die Schüler des JAG und das reife Publikum in Berleburg.

Von Christiane Weinhold

WESTFALENPOST

WESTFALENPOST vom 15.04.2011
Bildquelle: WP-Foto von Christiane Weinhold (cw)


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